Fragen und Antworten I: Meine Sicht aufs NLP

Wie lange gibst Du schon NLP-Ausbildungen?

Im Jahr 2005 habe ich die erste Pracititioner-Ausbildung durchgeführt. Nun (Sommer 2012) sind es schon der achte Practitioner und der dritte Master, die ich in eigener Verantwortung durchführe. Daneben habe ich in großem Umfang für einen anderen Anbieter in NLP-Ausbildungen gearbeitet.

Was reizt Dich daran?

Mich hat NLP frei gemacht. Genauer hat  es mir (zeitgleich mit den Kundalini Yoga) die ersten Schritte ermöglicht. Nach meiner eigenen NLP Practitioner-Ausbildung war der Boden so stabil, dass ich endlich das Gefühl hatte: das, was ich hier mache, hat wirklich, innerlich mit mir zu tun. Es geht mich wirklich an. Vieles wurde erst auf dieser Grundlage real und möglich, z.B. die Arbeit mit systemischen Strukturaufstellungen.

In Deinen Ausbildungen kritisierst Du NLP ziemlich hart. Die Grenzen des NLP scheinen Dir wichtig zu sein?

Meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass die sprichwörtliche eierlegende Wollmichsau sehr sehr selten vorkommt. Mir ist jedenfalls noch keine begegnet. Für mich gibt es gute Gründe, mit dem, was wir haben, pfleglich umzugehen. Mir liegt nicht daran, eigene Größenphantasien projektiv auszuleben. Wenn ich von einer Sache, etwa dem NLP erwarte, es müsse alle meine Probleme lösen und es müsse perfekt funktionieren, dann würde ich mal anfangen, meinen Sinn für Realität zu befragen…

NLP hat ganz klar Grenzen. So ist es individualistisch und hat z.B. ein sehr armes, eingeschränktes Verständnis vom Sozialen. Der Körper ist im NLP bestenfalls ein „Wahrnehmungsvehikel“; der Leib als Ort des Menschseins ist praktisch vollständig ausgeblendet. Die Liste ist fortzusetzen… Aber NLP ist keine eierlegende Wollmichsau; es muss dies nicht alles selbst leisten. Es gibt viele brauchbares Wissen vom Sozialen wie auch vom Leib, die wir beachten können, wenn wir NLP machen.

Da NLP eben keine eierlegende Wollmilchsau ist, löst es nicht alle Probleme und man ist nach meinem Verständnis gut beraten, mit selbstverständlichem Respekt auch Wissen ‚jenseits‘ des NLP zu beachten, etwa aus der Philosophie, der Soziologie und den Neurowissenschaften…

Oder ist es nicht besser, eine Sache zu unterlassen, die so viele Mängel aufweist?

Würdest Du darauf verzichten wollen, ein Haus zu bewohnen, bloß weil Du weißt, dass es anderswo bessere Häuser geben könnte?

Ich habe mit NLP viele tiefe und berührende Erfahrungen gemacht. Ich fühle mich da zu hause. NLP ermutigt, Überzeugungen (im NLP-Jargon: Glaubenssätze) immer mit Grenzen der Gültigkeit zu versehen und dahinter zu schauen. Daher war und ist NLP für mich immer die Einladung, neue Gebiete und Sichtweisen zu erforschen. Ich habe viele Dinge kennengelernt und das hilft mir, die Angebote des NLP besser zu verstehen, einzuordnen und ja, auch manches Angebot des NLP zu relativieren. Aber wenn ich NLP unterrichte, hab ich immer noch Heimatgefühle und denke, ich komme von einem guten Flecken und bin dankbar für all die Einladungen, die ich so annehmen konnte.

NLP ermutigt und es hat von dem sozialen Ort seiner Entstehung her einen emanzipativen Anspruch. Beides finde ich Klasse und ich wünsche unserer Welt mehr Mut und mehr aus einem emanzipativen Geist getragenen Anspruch. Wenn ich den Eindruck hätte, es gäbe zu viel NLP in der Welt, möchte ich zu den Ersten zählen, die das ansprechen …

Welche Ausflüge in andere Gebiete haben Dich bereichert?

Da ist einiges zusammengekommen in den letzten 30 Jahren. Zu den wichtigen zählen wohl: Alexandertechnik, Chemie, Hypnose nach Milton Erickson, Kundalini Yoga, Neurowissenschaften, Ökonomie, Organisationssoziologie, Systemische Strukturaufstellungen, World Work.[1] Aber es gibt vielfältige weitere Einflüsse, die ich für meine Arbeit nutze, etwa aus der Biologie und der Quantenphysik. Seit einem Jahr genieße ich nach langer Zeit des Alleinlebens das glücklich einer Beziehung. Auch diese Erfahrung bewegt mich sehr, bestätigt vieles, was ich im Verlaufe meines Lebens lernen durfte, und bereichert meine Arbeit.

Ein großer Teil dieser Erlebens- und Erkenntnisbereiche findet auch Eingang in meine Darstellung des NLP.

Ich habe ein Problem mit dem Satz: „NLP ist offen.“ Kurz gesagt, ich glaube, es sollte nicht offen für alles sein. Offene Menschen sind mir symphatisch, aber offene Theorien? Eine Theorie, offen für alles sein will, die nichts ausschließen will[2], verliert schnell Kontur und klare Aussage. Deswegen unterrichte ich NLP orientiert an seinen Entstehungszusammenhängen und zentralen Entwicklungslinien. So gewinnt man ein System mit hohem Orientierungswert, auch in unübersichtlichen sozialen Situationen.

Aber sind die NLPler nicht doch ein bisschen überheblich?

Im NLP ist der Mensch ein Großer. Er ist sogar so groß, dass keine/r die Größe eines Menschen ermessen kann. Deswegen pflegen wir im NLP ein Grenzen überschreitendes Denken und haben Sympathie für Grenzen überschreitende große und kleine Ziele. Wir lehnen einen den Menschen begrenzenden Umgang mit Zielen ab[3]. Zugleich lehnen wir auch Größenphantasien als unökologisch ab. Nicht jedes Ziel passt für jeden Menschen in jeder Situation. Und Zielearbeit schließt eben auch die Erforschung dieser Passung ein. Das nennt man im NLP technisch einen „Ökocheck“. Aber den Ökocheck kann nur die Klientin selbst als stimmig erleben und beurteilen, niemals der NLP-Coach. Der Mensch ist und bleibt selbst verantwortlich. Zielearbeit kann diese Verantwortlichkeit nicht ‚wegmachen‘ oder mildern, aber sie kann uns helfen, uns dieser Verantwortung zu stellen. Als verantwortungsvoller NLP-Trainer und -Coach bin ich mit meinen Trainées und Coachées solidarisch, aber ich bin eben auch nicht der ‚Vati‘, der alles ‚fein‘ macht für ‚das Kleine‘.

Durch den Ökocheck entsteht in der Zielearbeit ein Spannungsfeld zwischen Größe und Grenze, zwischen Ziel und Ökologie, das zu halten eine wirklich gute Ziele“arbeit“ ausmacht.[4]

Ist NLP noch zeitgemäß?

NLP in seinem Ursprung ist sehr zeitgemäß. Wie ich an anderer Stelle dargelegt habe[M1] , ist es gerade der emanzipative Anspruch des NLP, der gegen einen Zeitgeist von Überforderung, Anpassung und Mithaltenmüssen steht. Wir leben in einer Zeit, die depressive Anteile und Süchte fördert.

Die Besinnung auf das Ich und das Eigene ist kann und muss sogenannten gesellschaftlichen Anforderungen entgegengesetzt werden. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist wichtig um sich gegen Zumutungen und Überforderungen zu wehren. Das Wissen um das Eigene schützt davor, dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten und gesellschaftliche Anforderungen als Druck zu erleben.

Leider kann man NLP auch hervorragend zeitgeistförmig verbiegen. Heraus kommt eine fatale Psychotechnik, um fremden Leistungsanforderungen noch gründlicher zu inkorporieren, die Selbstausbeutung unkritisch weiter zu treiben und noch besser zu funktionieren. Ich wünsche unserer Gesellschaft Widerstand gegen diese Tendenzen.

NLP gibt nach meiner Erfahrung auch einen Rahmen, indem man viele Verhaltensveränderungen durch die Informationsgesellschaft erfassen und verstehen kann.

Was ist NLP eigentlich?

Für mich ist NLP eine philosophische Lebenspraxis. Es hat einen philosophischen Anspruch, ist aber keine Wissenschaft. Zugleich ist für mich das besondere am NLP, dass es nur im Leben stattfindet. Die Theorie des NLP ist nicht das NLP selbst. NLP macht man, indem man Gespräche mit Bewußtheit z.B. für Rahmungen (im NLP: Frames) führt. Dann hat man auf einmal Einflussmöglichkeiten, die man bei unbewusster, automatenhafter Gesprächsführung nicht hat[5].  Ich habe oft den Eindruck, die theoretische Diskussion, die man im NLP führt, unterstützt einfach hochwirksam das herausbilden von Metafähigkeiten, die sich dann in die Praxis einweben. Ich habe sehr viel von dem philosophischen Verständnis von Theoria, Praxis und Poiesis im NLP wiedergefunden.

Es gibt auch NLPlerinnen, die meinen NLP sei eine Wissenschaft. Ich bin überzeugt, dass NLP wegen seiner individualistischen Perspektive bestimmten methodischen Standards nicht genügen kann. Deswegen glaube ich, dass NLP zumindest in einigen engen Wissenschaftsverständnissen einen Platz nur finden kann, wenn man es vorher bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet hat.

Für mich verhält sich NLP zu den modernen Wissenschaften wie die Kunst des Bäckers zum analytischen verstand eines Mikrobiologen. Ich würde nie bezweifeln, dass auch Mikrobiologen gibt, die prima Brot backen. Trotzdem kaufe ich mein Brot beim Bäcker.

Man kann mit NLP alles Mögliche machen. Man kann damit z.B. Management machen, obwohl NLP ganz klar keine Managementtechnik ist. Oder man kann damit Psychotherapie machen, obwohl NLP eben keine Psychotherapie ist, auch wenn die Psychotherapie wesentliche Impulse für die Entstehung des NLP gegeben hat.

Warum dauert eine NLP-Ausbildung bei Dir wenigstens ein halbes Jahr? Geht das nicht auch schneller?

Ja, es gibt Anbieter, bei denen geht das in ein paar Tagen. Dann ist man Practitioner oder gar gleich Master.

Fastfood sättigt nur langsam. Junkfood macht gar süchtig. Convinience nährt nicht.

Ich möchte Tiefe bieten und nicht eine „Intensivausbildung“, die viele Oberflächen streifend schnell den falschen Schein von Fülle generiert. Auch Training kann so zur „Emotionsarbeit“[6] verkommen.

Es ist leichter, zeitweilig positive Gefühle zu produzieren als Fühlen und Denken zu ändern.

Das spricht nicht dagegen, dass man sich in Seminaren und Trainings wohlfühlen kann und darf. Aber Training muss mehr leisten, als nur vorübergehendes Wohlgefühl zu produzieren. Im NLP fordern wir  Verträglichkeit und Förderlichkeit der Trainingsergebnisse in einem umfassenden Sinne[7].

Meine Erfahrung ist, dass NLP seine Zeit braucht. Herz und Verstand brauchen Zeit, um das zu verarbeiten. Manches muss sich setzen lassen. Vieles erweist sich im richtigen Leben als nicht ganz so gängig, wie es aus der Perspektive des Seminarraums aussieht. Und schließlich habe ich auch immer wieder gesehen, wie unterschiedlich die Lebens-Wege zum NLP waren. Es braucht Zeit, seinen eigenen Weg zu finden. Wer Abkürzungen benutzt, sieht die auch bestenfalls die Schönheit des abgekürzten Weges, wenn der Tunnelblick überhaupt noch Wahrnehmung zulässt.

Die Neurobiologen lehren uns, dass Lernen ein biologischer Vorgang ist und biologische Vorgänge ihr eigenes Zeitregime haben. Dagegen verstößt man nicht ohne den Preis zu zahlen. Wenn man an einem Grasbüschel zieht, ragt es wohl länger aus der Erde. Aber: Ist das Wachstum? Ist das gesundheitsförderlich für das Gras? Will man mit den (langfristigen) Konsequenzen leben?

In meinen Schriften richte ich mich an Frauen und Männer gleichermaßen und verwende daher manchmal die männlich und manchmal die weibliche Form in völlig unregelmäßiger Weise, es sei denn eine bestimmte Person ist gemeint, die ich dann jeweils geschlechtsspezifisch anrede oder beschreibe. Dies ist eine „zweitbeste“ Lösung, da in der gegenwärtigen geistigen und sozialen Lage ein diskriminierungsfreies Sprechen über Geschlechter unmöglich scheint unsere Sprache keine Ausdrucksform anbietet, die klar und eindeutig gestattet, die Geschlechter ohne Rangunterschiede zu benennen oder zu schreiben.



[1] Damit niemand versucht ist, eine Rangfolge zu (er)finden, habe ich diese Aufzählung, alphabetisch geordnet.

[2] Dieser Anspruch bedient mir auch zu sehr die heutztage weit verbreitete Leistungsdruckstimmung.

[3] Zu sagen, Ziele würden begrenzen ist sprachlich verbrämter Unfug. Menschen begrenzen Menschen und sie benutzen dazu Ziele(arbeit).

[4] Die Behauptung, NLP ermutige Menschen dazu, unrealistische Ziele zu setzen, produziere daher Druck und lasse Menschen ständig scheitern, entsteht bestenfalls, wenn solch ein selbsternannter Kritiker mal ein NLP-Buch zur Hand nimmt und nach der Lektüre einiger Seiten das ökologische Denken vernachlässigend  zu einem (vor)schnellen Urteil kommt.

 

[5] Manche kritisieren das NLP für diese Einfachheit als banal o.ä. Ich finde den Gedanken erfreulich, dass NLP eben diese Alltagskommunikation so wie sie ist wichtig nimmt,und dafür eine bestimmte reflektierte Denkhaltung empfiehlt und trainiert.

[6] vgl. Winterhoff-Spurk, Peter (2005): Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

[7] Das wird im NLP mit dem Konzept der Ökologie eingefangen, was kurz gesagt bedeutet, dass ich mit den Ergebnissen meiner Handlungen wenigstens umgehen können sollte. Bevor in Handle, kann ich wählen ob und was ich tue. Also versuchen wir im NLP Wissen zu mobilisieren, das für die Abschätzung der Konsequenzen eingesetzt werden kann und die möglichen Handlungen auf ihre Folgen (im inneren und im sozialen Raum) hin zu untersuchen und diese Folgen ind Handlungskalkül einzubeziehen. Es scheint so zu sein, als ob man den Ökocheck nur hinreichend lange betreiben muss. Vollständigkeit ist nicht vonnöten, so dass kein unendlicher Regress droht.


 [M1] Michael Schütte, NLP als Kommunikationstechnik und als Praxis der Freiheit; Typos, Ausgabe Oktober 2008, S. 4 – 8

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