NLP als Kommunikationstechnik und als Praxis der Freiheit

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP) hat sich als Methode in Selbstmanagement, Coaching, Wirtschaft, Bildung und Training, Sport usw. etabliert. Der Autor ist selbst NLP-Trainer und plädiert dafür, im NLP mehr zu sehen, als nur eine Sammlung von Kommunikationstechniken.

Neuro-Linguistisches Programmieren

NLP erklärt,

–          wie Menschen sich orientieren,

–          Möglichkeiten wahrnehmen und

–          Entscheidungen treffen und

–          was sie darin unterstützt, neue und bessere Ergebnisse zu erzielen.

Dabei werden Abläufe („Programme“) untersucht, die auf  äußeren und inneren Wahrnehmungen („neuro“) beruhen und die durch Sprache („linguistisch“) sowohl abgebildet als auch beeinflußt werden.

Die Begründer des NLP hatten das Ziel, einige der besonderen Fähigkeiten von Meistern der Kommunikation wie Fritz Perls, Virginia Satir oder Milton Erickson für alle Menschen verfügbar zu machen. Sie schufen mit NLP eine Sammlung von Verfahren und Ideen zur Kommunikation, subjektivem Erleben und Veränderung die man vergleichsweise leicht lernen und in den verschiedensten Zusammenhängen (z.B. Lehre und Training, Management, Verkauf, Therapie) flexibel nutzen kann. NLP beantwortet u.a. folgende Fragen:

–          Welche Einstellungen und Überzeugungen fördern gelingende Kommunikation, Lernen und persönliche Entwicklung?

–          Wie kann man trainieren, andere Menschen und sich selbst genauer wahrzunehmen?

–          Wie findet man Zugang zu anderen Menschen, um eine gute, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung herzustellen und aufrecht zu erhalten?

–          Wie kann man gezielt innere Zustände bei sich und Anderen verändern?

–          Was braucht ein Mensch, damit er Ziele setzen und erreichen kann? Was kann ihn unterstützen, diese Ziele zu erreichen?

–          Wie kann man Verhaltensmuster erkennen und gezielt verändern?

–          Wie werden Menschen durch Sprache beeinflußt? Welche Sprache unterstützt Veränderungsprozesse und welche Sprachmuster hemmen oder sabotieren Veränderung?

Geschichte

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP) hat seine Wurzeln im Kalifornien der siebziger Jahren. Ein junger Student der Mathematik und Computerwissenschaften, Richard Bandler, begann sich für praktische Psychologie zu interessieren. Seinen Lebensunterhalt verdiente Bandler unter anderem durch das Transkribieren von psychotherapeutischen Seminaren und Sitzungen. So kam er mit Fritz Perls und seiner Gestalttherapie in Berührung. Die Person und die Arbeitsweise Fritz Perls sowie seine Fähigkeit, schnelle Verhaltensänderungen bei seinen Klienten zu bewirken, hatten auf Bandler eine enorme Anziehungskraft. Er studierte umfangreiches Material über Perls Arbeit und begann später Fritz Perls nachahmend selbst gestalttherapeutische Seminare anzubieten. Anlässlich dieser Seminare kam Bandler mit John Grinder in Kontakt, der gerade eine Professur für Linguistik an der Universität von Kalifornien anstrebte. Bandler hatte bis dahin eher intuitiv gearbeitet. John Grinder verfügte als Linguist über die Fähigkeit, sprachliche Strukturen zu identifizieren und zu analysieren, und half mit diesen Fähigkeiten Bandler, besser zu verstehen, was er in seinen Gestaltseminaren tat und auf welche Weise er schnelle Verhaltensänderungen hervorbrachte.

Modellieren

Dieses Erfahrbarmachen und Explizieren einer Spitzenleistung, im NLP Modellieren genannt, ist das Herzstück des Neurolinguistischen Programmierens: jede Spitzenleistung kann lehrbar und erlernbar gemacht werden, indem man die äußeren und inneren Prozesse, die zu der Spitzenleistung führen, studiert und explizit auf ihre Wirkelemente reduziert. Dieser Prozess des Modellierens macht exzellente Leistungen jeder Art allgemein verfügbar.

In den folgenden Jahren modellierten Richard Bandler und John Grinder zunächst Virginia Satir und danach Milton Erickson, beide unkonventionelle Psychotherapeutinnen mit hohem Ansehen, die schnell durchgreifende Wirkungen bei ihren Klienten bzw. Patienten erzielten. Resultat dieser Modellierung waren aufs Wesentliche reduzierte Techniken (im NLP meistens Formate genannt) und grundsätzliche Haltungen oder Sichtweisen, die oft als Vorannahmen oder Grundannahmen bezeichnet werden[1].

Es ist plausibel, dass NLP durch die Modellierung von Psychotherapeuten entstand, ist doch die Psychotherapie eine der Disziplinen, die am unmittelbarsten auf Veränderung des Erlebens und Verhaltens abzielen.

Exzellente Leistungen finden sich in ganz verschiedenen Lebensbereichen und so ist verständlich, dass NLP den Rahmen seines ersten Anwendungsbereiches, der Psychotherapie, längst überschritten hat, um in andere Gebiete hineinzuwirken: Selbstmanagement, Training, Sport, Führung, Lernen und Unterricht…

Strategien

Die wichtigste Voraussetzung für einen Modellierungsprozess ist natürlich zunächst ein Modell, eine Person, die eine besondere Leistung erbringt. Das Modellieren beinhaltet zunächst, zu beobachten, was das Modell tut, seine äußeren und inneren Prozesse zu studieren und eine Abfolge von Schritten zu identifizieren. Danach wird diese Schrittfolge „begradigt“, indem sämtliche, auf individuellen Besonderheiten oder persönlichen Eigenheiten des Modells beruhenden und für den Erfolg unwesentlichen Elemente ausgesondert werden. So entsteht eine Strategie, eine Abfolge äußerer und innerer Verhaltenschritte, die wesentlich leichter zum gewünschten Erfolg führt als eine bloße Nachahmung des Modells.

Vorteilhaft, aber nicht Voraussetzung ist, das Modell über längere Zeit zu beobachten und intensiv zu befragen, insbesondere zu seinen inneren Prozessen. Viele Einsichten verdanken wir im NLP aber auch der Modellierung historischer, längst verstorbener Persönlichkeiten. Umfangreiche Arbeiten hierzu stammen von Robert Dilts, der z. B. Überzeugungsstrategien historischer Führungspersonen und Kreativitätsstrategien großer Denker analysiert hat.

Grundlegende Techniken

Beim Modellieren der exzellenten Psychotherapeuten traten bestimmte, immer wiederkehrende Vorgehensweisen zu Tage, die heute zum Handwerkszeug jedes NLP Praktizierenden gehören. Einige dieser Techniken seien hier kurz charakterisiert:

–          Rapport, Pacing und Leading

Charakteristisch für NLP ist die Idee, dass Kommunikation und Veränderung nicht gegen, sondern nur mit dem Klienten, Gesprächspartner usw. gelingen. Widerstand ist ein NLP – fremdes Konzept. Folglich ist der erste Schritt jeder NLP – Arbeit, ein Klima von Vertrauen und Offenheit zu schaffen, das Rapport genannt wird. Rapport kann man geradezu sehen, denn im Rapport gleichen sich Menschen in ihrem äußeren Ausdrucksverhalten einander an. Umgekehrt gilt auch: die Angleichung im Ausdrucksverhalten, das sogenannte Pacing, erzeugt Rapport. Pacing beinhaltet eine Vielzahl von einzelnen nonverbalen und verbalen Angleichungstechniken. Ist das Pacing gelungen und der Rapport hergestellt, wird ein Gesprächspartner offen sein für die Vorschläge des anderen (was auch Leading genannt wird). Praktisch äußert sich Rapport daher im Ausmaß der Erlaubnis: je besser der Rapport um so mehr Erlaubnis gestehen die Kommunizierenden einander zu.

–          Ankern

Menschen lernen ständig. Dabei entstehen andauernd neue Reiz-Reaktions-Kopplungen, die im NLP als Anker bezeichnet werden. Allerdings betont man im NLP stärker die Möglichkeiten von „One-Trial-Learning“. Durch Wiederholungen verstärkte Konditionierungsprozesse spielen im NLP eine vergleichsweise weniger gewichtige Rolle. Außerdem wird jede Reiz-Reaktions-Kopplung durch eine Änderung des inneren Zustands vermittelt. Ankern eröffnet damit jedem Menschen die Chance, seine inneren Zustände, Gefühle und Erlebensweisen zu beeinflussen. Wenn wir bemerkten, dass wir uns immer wieder selbst im Weg stehen, also einschränkende Verhaltensmuster bemerken, können wir uns auf die Suche nach entsprechenden Auslösereizen begeben, um diese Anker zu entmachten. Ankern gibt aber auch die Möglichkeit, ressourcevolle Zustände bei Bedarf schnell oder sogar automatisch verfügbar zu machen.

 

 

–          (Re-)Framing

Da Bedeutungsgebungen mentale Prozesse sind, köpnnen Bedeutungen auch durch mentale Prozesse verändert werden. Die absichtsvolle Gestaltung von Bedeutungsräumen (Framing) und die Umgestaltung unzweckmäßiger Bedeutungsgebungen (Reframing) gehört zum Kernbestand des NLP. Es sind eben nicht die Tatsachen, an denen wir uns erfreuen oder leiden, sondern unser Denken darüber.

Wenn es aber der Mensch ist, der Tatsachen bedeutet, er in der Wahl seiner Bedeutungen frei ist, dann ist die Entscheidung darüber, welche Bedeutungen er favorisiert, wesentlich, um diese Freiheit auch leben und verantwortlich ausfüllen zu können. Die Wahl geeigneter Bedeutungen wird so selbst zu einem prekären Akt, denn es gibt keinen festen Punkt, von dem aus einer das Universum der Bedeutungen aus seinen Angeln heben könnte.

Von besonderer Bedeutung ist im NLP der so genannte Zielrahmen, also eine Situation anzuschauen unter der Perspektive: „Welches Ergebnis soll erreicht werden?“ Damit werden automatisch andere Perspektiven entmachtet, zum Beispiel: „Wer hat Schuld?“, „Welche Schwierigkeiten haben wir?“ Außerdem gibt es im NLP genaue Richtlinien und Vorgehensweisen zur Zielerarbeitung.

NLP fordert uns auf, die Bedeutungsgebungen unserer Mitmenschen, die wir in Seminar-, Coaching-, Therapie-, Lern- und anderen Situationen vorfinden, nicht als gegeben hinzunehmen. Wenn wir auf eine respektvolle Weise Einladungen aussprechen, geeignete Bedeutungsräume zu kreieren, können z.B. Lernen oder die Erfüllung von Aufgaben eher als leicht und lustvoll erlebt werden.

–          Positionswechsel

Wenn Bedeutungen subjektiv sind, dann kann eine soziale Situation nur verstanden werden, wenn die Begrenzung subjektiv-individueller Bedeutungsgebungen eines einzelnen Akteurs überschritten wird. Also ist es erforderlich, Positionswechsel vorzunehmen, unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen und die Möglichkeiten unterschiedlicher Erfahrungen zur selben Situation zu integrieren.

–          Metamodell

Sprache ist ungenau. Einerseits entspricht das den zeitökonomischen Erfordernissen und ermöglicht, auf das Wesentliche zu fokussieren. Andererseits gehen dadurch Informationen verloren. Man kann Problemsituationen geradezu dadurch charakterisieren, dass Menschen im Problem den Zugang zu Ressourcen und vielen wichtigen und nützlichen Informationen verlieren (Tunnelblick).Die Begründer des NLP haben  daher sehr früh eine ausgefeilte Fragetechnik entwickelt (das so genannte Metamodell), um den Zugang zu Informationen und Ressourcen auch in schwierigen Situationen zu ermöglichen.

–          Milton-Modell

Das Metamodell dient dem genaueren Nachfragen und dem Sammeln präziserer Informationen, um etwas auf den Punkt zu bringen. Es gibt aber auch Situationen, in denen die Fantasie angeregt und innere Suchprozesse gefördert werden sollen. Hier bedarf es nicht eines genauen, spezifizierenden Nachfragens, sondern einer Sprache, die das Unbewusste einlädt, seine Kreativität zu entfalten. Solche hypnotischen Sprachmuster sind ins NLP vor allem durch die Modellierung von Milton Erickson eingegangen. Die Nutzung des enormen kreativen Potenzials leichter Trancezustände ist ein Markenzeichen von NLP.

Ökologie

Die Basistechniken des NLP und die darauf aufbauenden komplexeren Vorgehensweisen sind sehr leistungsfähig und funktionieren auf einer technischen Ebene gut. Damit all diese Techniken Erfolg zeigen können, muss jedoch die Fähigkeit der Nutzerin, mit den erwarteten und unerwarteten Resultaten umzugehen, sichergestellt werden. Viele NLP-Techniken sind als solche nicht ökologisch, so dass die ökologische Überprüfung gesondert vorgenommen werden muß, um unerwünschte Neben-und Folgrwirkungen zu vermeiden.. Jede Intervention muss also ökologisch sein, was durch eine Vielzahl von Maßnahmen erreicht werden kann. Es liegt in der Verantwortung jedes Anwenders, NLP ökologisch und ethisch angemessen zu nutzen.

Vorannahmen

Das Modellieren genialer Therapeutinnen zeigte bald, dass sich die Wirkung therapeutischer Techniken nicht auf eine Abfolge von Schritten reduzieren lässt. Veränderung ist bei Virginia Satir oder Milton Erickson kein Resultat von Manipulation oder Seelenmechanik. Vielmehr spielen Haltungen, Werte und Grundüberzeugungen eine entscheidende Rolle. Diese Erkenntnis hat zur Formulierung von grundsätzlichen Haltungen geführt, den Vorannahmen des NLP. Der Begriff „Vorannahmen“ verweist darauf, dass es sich um mehr handelt als um einfache Denkvoraussetzungen, nämlich um oftmals nur vorbewusste, erfolgskritische Grundannahmen. Dem konstruktivistischen Grundansatz des NLP entspricht es, sich nicht für die Richtigkeit oder Falschheit dieser Grundannahmen zu interessieren, sondern sie lediglich als nützliche Ideen anzusehen. Es gibt keinen „Kanon“ der Grundannahmen. Einige besonders wichtige und weithin akzeptierte Vorannahmen sind:

–          Menschen kommunizieren verbal und nonverbal.

–          Informationen werden nicht nur sinnlich aufgenommen, sondern auch sinnlich (als innere Bilder, Töne, Gefühle usw.) verarbeitet.

–          Die Bedeutung einer Kommunikation ist die Reaktion, die sie bewirkt.

–          Es gibt keine Fehler, sondern nur Feedback.

–          Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Die auf Alfred Korzybski[2] zurückgehende „Landkartenmetapher“ drückt aus, dass wir Menschen nicht mit der Realität, sondern immer mit Abbildern der Realität befasst sind.

–          Wahlmöglichkeiten sind wichtig: Es ist besser Wahlmöglichkeiten zu haben als keine Wahlmöglichkeiten zu haben.

–          Menschen verhalten sich nicht selbstschädigend. Sie verfolgen immer eine positive Absicht und treffen immer die beste ihnen zur Verfügung stehende Wahl. Das bedeutet nicht, dass sie allein deswegen eine sozial akzeptable Entscheidung treffen, oder dass sie sich nicht noch bessere Wahlmöglichkeit erschließen können.

–          Menschen haben alle Resourcen, die sie benötigen.

–          Wenn das, was du tust, nicht funktioniert, tu etwas anderes.

Die Vorannahmen bestehen aus Wertaussagen, kommunikationsstrategischen Erwägungen und Denkmodellen in bunter Mischung. Sie rechtfertigen sich ausschließlich durch ihre Nützlichkeit und erheben gerade nicht den Anspruch allgemeiner Geltung, logischer Widerspruchsfreiheit und besonderer Originalität. Vor dem eklektizistischen Hintergrund der Entstehung des NLP ist das allzu verständlich. Es handelt sich bei den Vorannahmen auch nicht um Axiome oder Basissätze des NLP in einem wissenschaftstheoretischen Sinne, selbst wenn einige Autoren die Vorannahmen des NLP als Axiome titulieren.[3]

NLP ist eine Praxis

Klar ist, dass sich NLP in seinem derzeitigen Entwicklungsstadium dem Anspruchsniveau eines Wissenschaftsmodells naturwissenschaftlichen Zuschnitts nicht genügen kann. Fraglich bleibt auch, ob NLP jemals einen am naturwissenschaftlichen Denken orientierten Anspruch von Wissenschaftlichkeit erwerben wird und ob dies überhaupt eine wünschenswerte Entwicklung ist. Dem steht insbesondere der Anspruch entgegen, für jede Situation individuell stimmige Lösungen zu finden. Des Weiteren ist das Feld der NLP Praktizierenden stark fragmentiert, so dass sich Grundzüge einer einheitliche Praxis des NLP nicht sehr klar konturieren lassen. Dazu trägt auch bei, dass es im Bereich des NLP keine legitimierte normensetzende Institution gibt. NLP heute bewegt sich in einem weiten Bereich von purer Kommunikations- oder Veränderungstechnik über unreflektierter alltagsweltlicher Lebensführung bis hin zu einer hochreflektierten Praxis. Warum dies so ist, zeigt ein Blick auf die Wurzeln des NLP.

Geht es um persönliche Entfaltung…

Man mache sich das Umfeld und den geistigen Hintergrund der Entstehung des NLP klar: Kalifornien, Flower Power, der Protest gegen den Vietnamkrieg und die damit verbundenene Delegitimation überlieferter Werte und Lebensprinzipien. Ein Umfeld, geprägt von Aufbruchsstimmung, einem Geist von Selbstbesinnung und Selbstbestimmung. Hier wird deutlich, dass NLP aus einem emanzipativen Zeitgeist heraus geboren ist und genau diesen Anspruch verwirklicht: Instrumente bereitzustellen für die Rückbesinnung auf sich selbst, auf die eigenen Werte, herauszubekommen, was mir selbst und anderen möglich ist (und nicht darauf zu vertrauen, was andere mir darüber sagen). Es ist klar, dass die Verwirklichung eines emanzipativen Anspruchs sich nicht vorrangig in der Beachtung von Standards und Ansprüchen realisiert, sondern gegebene Normen und Weltsichten in Frage stellt. Das junge NLP trug den Stempel jener Zeit mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Begrenzungen. Es war geprägt von Forscherdrang und Experimentierfreude.


… oder um Anpassung an eine Leistungsgesellschaft?

Heute, fast eine Generation später und seinem kalifornischen Entstehungskontext entwachsen, zeigt sich NLP reifer und ausgewogener. Zugleich ist NLP auch unschärfer und weniger fassbar geworden: Viele sehen NLP heute als Sammlung von Kommunikationstechniken an, die man fallweise einsetzt. Andere konturieren den emanzipativen Anspruch des NLP stärker und sehen die NLP – Techniken und – Formate vor dem Hintergrund eines (i.d.R. konstruktivistischen) Weltverständnisses und Lebensentwurfs.

Einer aktuellen Befragung zufolge, sehen 34% aller NLP-Anwender NLP als Kommunikationstechnik und nur 15 % nutzen NLP zur Veränderung[4]. Natürlich ist NLP als Instrument zur Leistungsverbesserung sehr geeignet. Die Zielorientierung, die Möglichkeit, Exzellenz zu modellieren und allgemein verfügbar zu machen, wie auch die leistungsstarken Techniken der Beziehungsgestaltung und -beeinflussung laden geradezu ein, NLP in den Kontext eines Leistungsdenkens zu stellen. Leider bleiben in einer solchen Anwendungsweise viele Potenziale des NLP ungenutzt. Berufliches Funktionieren ist heutzutage in vielen Lebenssituationen erforderlich und damit oft auch Basis für weitere Entwicklung. Zugleich bleibt die Frage, wie Menschen ihre vielen persönlichen Potenziale entdecken und entwickeln können, wenn sie nur auf bestmögliche, schnelle und angenehme Weise in das Prokrustesbett von Leistungsanforderungen gedrängt werden oder sich voller Freude gar selbst da hineinzwängen.

Eine stärkere Rückbesinnung auf die emanzipativen Wurzeln ist ein gutes Gegengewicht zur Technisierung und Funktionalisierung des NLP. Denn NLP ist das Angebot, Haltungen zu reflektieren und entwickeln, nicht den Verheißungen irgendwelcher Techniken hinterherzuhecheln[5]. Persönliche Exzellenz ist die Folge von Freiheit: Es bedarf innerer Freiheit, Entdeckergeist und Wagemut, um Potenziale zu finden und zu entfalten. NLP ist die Einladung, eine Praxis der Freiheit zu leben.

 

Quellen und Literaturhinweise

Andreas, Steve und Faulkner, Charles: Praxiskurs NLP, Junfermann, Paderborn 2005

O’Connor, Joseph: NLP – das Workbook, VAK, Kirchzarten 2005

Grochowiak, Klaus: NLP Practitioner Handbuch, Junfermann, Paderborn 1995

Grochowiak, Klaus: NLP Master Handbuch, Junfermann, Paderborn 1999

Korzybski, Alfred: Science And Sanity, Institute of General Semantics, Brooklyn 2000

McClendon, Terrence: The Wild Days, BoehmMolnar Publications, Hamm 2003

Walker,Wolfgang: Abenteuer Kommunikation – Bateson, Perls, Satir, Erickson und die Anfänge des NLP, Klett-Cotta, Stuttgart 1996

Ivanceanu, Mirela: Was bringt eine NLP-Ausbildung?, Beilage ‚Kommunikation mit NLP‘ zu managerSeminare Heft 96, März 2006, S. 4-7

Was ist NLP. Eine rhetorische Frage. Umfrage zeigt Tendenzen, http://www.nlpofflimits.de/was_ist_NLP, Download am 30.07.2008

www.nlp.de (Website mit Research Data Base und Pressespiegel zu NLP)

 

 

 



[1] Dieser Kernbestand an Techniken und Grundannahmen wird auch in den üblichen NLP-Practitioner- Ausbildungen vermittelt.

[2] vgl. Science and Sanity

[3] Insofern ist die am NLP vorgetragene Kritik, es sei unwissenschaftlich, banal und bezüglich ihrer eigenen Grundlagen unreflektiert. Beispiele, Quellen und weitere Erörterungen findet man unter www.nlpkritik.de.

[4] Die Quelle ist eine Umfrage unter 134 NLP-Praktizierenden: Was ist NLP. Eine rhetorische Frage. Umfrage zeigt Tendenzen.

[5] In der Tat scheint dies auch die wesentliche Wirkung einer NLP-Ausbildung zu sein. (Ivanceanu 2006)

 

erschienen in: Typos, Ausgabe Oktober 2008, S. 4 – 8

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